Autor: espressotrinker

Grauer November

Der November macht seinem Ruf heute alles Ehre. Die Temperaturen sinken und liegen inzwischen bei 12 Grad, der Himmel ist grau verhangen, es weht ein böhiger ruppiger Wind, hier in der Krummhörn, in Ostfriesland, in Norddeutschland. Eigentlich ein November, wie man ihn sich vorstellt, was ja nicht heißt, dass man ihn sich schön vorstellt – also anders als der goldene Oktober. So ist das in den Köpfen verankert und so ist das nun auch mal Realität.

Sauerbraten zum Jahresabschluss

Heute gab es den zweiten von zwei Saubraten. Sie müssen wissen, dass Sauerbraten mit Kartoffelklößen und Rotkraut, auf rheinische Art mit Rosinen, das traditionelle Weihnachtsessen für uns ist. Hier in Ostfriesland kann das schon mal zur Herausforderung werden, wenn man zu spät dran ist. Mir fällt das in der Regel frühestens am Tag vor Heilig Abend ein, oder erst am Heilig Abend. Im Rheinland, wo ich herkomme, ist das dann kein Problem, man geht ins Geschäft und findet noch ein paar Packungen mit eingelegtem Sauerbraten – Weihnachten gerettet. Hier in Ostfriesland gehört das nicht zu den Standardprodukten in der Kühltheke, das ist in den letzten Jahren dann schon mal brenzlig geworden, wenn man dann kurz vor Toresschluss noch durch drei Läden muss um irgendwo eine verlassene Packung aufzutun.

In diesem Jahr wahr ich eigentlich nicht früher dran, erzählte aber irgendwann einer Freundin drüber, die mich zwei Wochen vor Weihnachten auf ein Angebot frischen Rindfleischs aufmerksam machte und anbot, den Braten einzulegen. Vor lauter Begeisterung kaufte ich am Anfang der Weihnachtswoche gleich zwei Bratenstücke und nahm sie eingelegt mit auf die Reise nach Ostfriesland.

Den ersten Braten gab es, wie vorgesehen, an Weihnachten mit ein er ungemein würzigen Soße; an der Beize war wohl deutlich weniger Wasser und mehr Essig als bei den fertig gekauften Sauerbraten. Das Chaosgirl war jedenfalls auch begeister. Das zweite Stück blieb bis heute in der etwas abgeschwächten Beize und bestätigte die Annahme, dass mehr Zeit mehr Geschmack in das Fleisch bringt vollumfänglich. Also heute noch mal Sauerbraten zum Jahreswechsel – ich könnte mich an diese Tradition gewöhnen.

Der Nachtstimmer (Maarten ´t Hart)

Ein etwas eigensinniger Orgelstimmer, eine brasilianische Schönheit, ein anscheinend autistisches Mädchen mit einem besonderen Faible für´s Orgelstimmung und einen ganzen Haufen skurriler, zum Teil missmutiger bis hin zu feindseliger Gestalten, das ist der Stoff des Buches um den sich „Der Nachtstimmer“ des niederländischen Schriftstellers Maarten ´t Hart rankt. Der strenge evangelische Glauben, der das Leben des Autors seit seiner Kindheit prägt, spiegelt sich auch in der Geschichte um den Orgelstimmer Gabriel Pottjewijd wider, wenn er als Ersatzstimmer in ein Dorf im Süd-Westen der Niederlande gerufen wird. Eigentlich will er nur ein paar Tage bleiben und schnell, aber auch gründlich, seine Arbeit erledigen, doch er wird gebeten noch ein zweites, größeres Instrument zu stimmen und der Aufenthalt verlängert sich.

Foto: Norbert Gerhard Bach

Über dem ganzen Roman liegt eine Verstimmtheit – nicht nur der Orgeln wegen. Und, es mangelt nicht an Spannung, wenn Pottjewijd den anderen Bewohnern begegnet, bis hin zu eifersuchtsgeführten Dramahandlungen gegen ihn; ohne. dass der so wenig strategisch denkende, sondern sich eher in schöngeistigen inneren Auseinandersetzungen verlierende Orgelstimmer das wahrhaben will. 

Ein recht spitzbübisch geschriebenes Buch mit viel Liebe zum Detail aus dem Berufsalltag eines Orgelstimmers und mit nicht zu überlesenden Liebesbekundungen gegenüber Deutschland, mit denen das Buch gleich zu Beginn ein Zeichen setzt, dass der in Groningen lebende Pottjewijd seine Landsleute nicht wirklich mag: „Seltsam, dass die Menschen in Ostfriesland, Luftlinie nicht weit von Groningen entfernt, so viel netter und zuvorkommender sind als die Groninger. Denn auch wenn man reimt: 
‚Schön wie die gold’nen Ähren sprießen, 
schuf Gott die Drenter, Groninger und Friesen, 
und aus der Spreu und andren Resten, 
schuf er die Drecksäcke im Westen’, 
kann man nicht sagen, dass Drenter, Groninger und Friesen wirklich nette Menschen wären.“ 

Pottjewijd hadert, mit sich, den Menschen um ihn herum, der brasilianischen Mutter der Tastenhalterin und mit der Ortschaft in der er arbeiten muss, insbesondere mit der nahe an der Kirche liegende Werft die soviel Krach veranstaltet, dass er nur in den Randstunden des Tages oder in der Nacht einen Teil seiner Stimmarbeit erledigen kann. 

Das Buch hat auf seinen 308 Seiten immer wieder überraschende und launige Wendungen und es wird einem selbst bei den vielen Bibel- und Gesangsbuchzitaten und bei den ausschmückenden Reminiszenzen an das umfangreiche Musikwissen des Hauptprotagonisten, nicht langweilig.

Macht viel Spaß zu lesen.

Maarten ´t Hart
Der Nachtstimmer
Roman
Verlag: Piper
Seitenzahl: 308
Erscheinungstermin: 31. Mai 2021
Deutsch
ISBN-13: 9783492070430
ISBN-10: 3492070434
Artikelnr.: 60405984
Preis: 24 Euro

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Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Mit Leichtigkeit führt Jonas Jonasson durch ein paar wilde Monate des hundertjährigen Allan Karlsson und parallel durch sein hundertjähriges Leben. Dabei verwickelt das einfache Gemüt nach dem Motto „wat kütt, dat kütt“ oder „wat mutt, dat mutt“ Karlsson immer wieder in kuriose Situationen, seien es Trinkgelage mit bekannten Präsidenten oder zufällige Morde, die so nicht geplant waren aber irgendwie gekommen sind; und sich dann ganz anders raus stellen. Aber jetzt bin ich schon zu weit im Buch. Immer, wenn man glaubt, dass er jetzt dran ist, im hundertjährigen Leben oder aber auch als Hundertjähriger, geschieht eine unglaubliche Wendung und alles ist ganz anders, jedenfalls als man gedacht hat, während man gelesen hat, wie es sich entwickelte. 

Unbedingte Leseempfehlung

Jonasson, Jonas
Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand
Roman
Originaltitel: Hundraåringen som klev ut genom fönstret och försvann
Übersetzung: Kuhn, Wibke
Aus der Reihe:  Penguin Taschenbuch – 10236
Kartoniert, 432 S.
Verlag: Penguin Verlag München(2017)
ISBN-13: 978-3-328-10236-6Preis: 10,00 €

Temperaturempfinden

„Wenn auf der Temperaturanzeige 35 steht und ich rausgehe und friere, dann ist es kalt.“ Abschließende Feststellung des Chaosgirls*) im Rahmen der Diskussion über die Temperaturen heute.
Auf der Anzeige stand 19. Man könnte bei dem stetigen norddeutschen Wind, der ums Haus weht, also tatsächlich von einer eher kühlen Außentemperatur ausgehen, auch wenn man nicht das Temperaturempfinden des Chaosgirls hat. Aber das tut bei der, aus der Frage „Wie kalt ist es denn heute?“ hervorgehenden Generaldiskussion über das Temperaturempfinden im Allgemeinen und das des Chaosgirls im Besonderen, nichts mehr zur Sache.

*) mehr zum Chaosgirl demnächst.

Caspar David Friedrich – eher so der romantische Typ

Wer war dieser Typ, der seine romantischen Bilder wie aus dem Montagekasten schuf, wie große Collagen? Und stimmt das, dass er keine Gesichter malen konnte und dass dies auch der Grund dafür ist, dass wir die Menschen auf seinen Bildern immer nur von hinten sehen?

Im neuen Podcast „Augen zu!“ unterhalten sich Floiran Illies und Giovanni di Lorenzo über Caspar David Friedrich und klären auch gleich die beiden gestellten Fragen.

Hier geht´s zum Podcast.

PS: Als ich heute Abend auf dem Weg ans Meer war, hatte der Himmel so eine caspardavidfriedriche Stimmung, wie ich fand:

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